Ab 1960-2011

Moléson-Village von der Utopie zur Realität

Moléson-Village stammt aus der fruchtbaren Fantasie von einigen Freiburgern, welche bereit waren die Entwicklung der Wirtschaft und des Tourismus zu vereinigen. Das utopische Projekt der 1960er Jahre, ein perfektes Dorf zu bauen, hat sich in den polemischen Turbulenzen und den finanziellen Schwierigkeiten aufgelöst. Es hat sich schlussendlich im Jahre 1978 konkretisiert, in einer formellen Sprache, weit weg des ersten Projektes.

Die Geschichte dieses Epos bezieht sich sowohl auf den Tourismus (der Traum einer touristischen Station), wie auch auf die Architektur (mehr als 150 Pläne, die meisten wurden nicht realisiert) und auf die Wirtschaft (Investitionen von mehr als 20 Millionen) und hatte auch soziologische Konsequenzen. Dieser Text zeigt einige Hinweise, rohes Material, ohne Synthesen. Das Ziel ist, die verschiedenen Etappen dieses Abenteuers aufzuzeigen. Das Erlebte hat heute bereits den harten Einsatz belohnt.

Epagny – Moléson mit einer Gondelbahn: von einer verrückten Idee zur Utopie

Robert Boschung, glücklicher Initiator des „Vieux Chalet“ in Crésuz, hat von einem Restaurant auf dem Gipfel des Moléson geträumt, welches von Epagny aus mit einer Gondelbahn erreichbar sein sollte. Er vereinigt einige Persönlichkeiten aus dem Kanton Freiburg, alle begeistert von der Idee der touristischen Entwicklung im Kanton. Im November 1959 hinterlegt das Komitee eine erste Anfrage für eine Gondelbahn, welche Pringy und Plan-Francey mit einer Zwischenstation in „La Chaux“ verbindet und eine Gondelbahn zwischen Plan-Francey bis auf den Moléson vorsieht.

Der Grossrat des Kantons Freiburg bewilligt im Mai 1961, den Antrag des Grossrates aus dem Greyerzbezirk, Pierre Morard, und 60 mitunterzeichnenden. Der Antrag beinhaltet den Bau einer Kantonsstrasse zwischen Pringy und La Chaux. Mit einer Länge von vier Kilometern, einer Breite von sechs Metern und einer maximalen Neigung von 10%, würde sie ungefähr sieben Millionen Schweizer Franken kosten, von welchen drei zu Lasten der zukünftigen Station fallen würde. Die Arbeiten beginnen im März 1962 und werden im Juli 1963 beendet.

Eine Konzession, die bereits von der Gemeinde von Enney bewilligt wurde, zwang die Initiatoren eine Gondelbahn von La Chaux bis La Vudalla zu bauen. Dies waren die berühmten „Bidons von Moléson“. Zwei Skilifte rundeten das Angebot ab. Somit entstanden Kosten von Total 2,5 Millionen. Die drei Stationen, welche vom Lausanner Architekten Marc Wuarin entworfen wurden, benötigten Beton für die Sockel, Holz für die Wände und mehrere Schichten für die Bedachung. Die Bergbahnen wurden ab Dezember 1963 in Betrieb genommen, bis auf den Teil Plan-Francey – Moléson, dieser wurde im darauffolgenden Winter eingeweiht.

Das ideale Dorf – Das utopische Dorf

William Dunkel, grossartiger Zürcher Architekt, Professor in Rente und ausgebildet an der Technischen Hochschule in Deutschland, wurde beauftrage den Plan für den Ausbau für das zukünftige Feriendorf am Hang des Moléson auszuarbeiten. Er schrieb zu diesem Zweck zur Präsentation des Ausbauplanes an den Verwaltungsrat im Januar 1963 folgendes: „Eine nicht entwickelte Region erlaubt sich einen kompletten und der Landschaft angepassten Ausbauplan vorzustellen. (…) Es wäre ein grosser Schaden entstanden, wenn durch dieses Projekt, die harmonische und ausgeglichene Einheit, durch eine egoistische und spekulative Fantasie, entstanden durch ein nicht komplettes Reglement, zerstört worden wäre. Der Schöpfer dieses Projektes zieht die trügerische Dorfromantik der modernen Unbekümmertheit vor; eine Anordnung in Baugruppen organisiert, geteilt durch Holzbanden.“

Gegen Spekulationen kämpfen, die Bauten nicht zerstreuen und auf jegliche Nachahmung verzichten. Diese drei Prinzipien haben Dunkel dazu geführt einen strikten Ausbauplan vorzustellen. Der Verwaltungsrat schliesst sich dieser Vision des Projektes an. Die Gemeinde bleibt Besitzer der Grundstücke und der Gesellschaft GMV wird gestattet diverse Objekte auf diesen Grundstücken zu bauen. Die Investoren verhandeln mit einem einzigen Gesprächspartner, der ihnen Flächenrechte vorschlägt. Das System ist schwierig anzuwenden und beunruhigt mehr als einen potentiellen Käufer.

Dunkel ist es sehr wichtig sich auf die Gebäude zu konzentrieren: „sie gleichen Walliserdörfern, eng gebaut, mit Bewaldungsflächen zwischen den Zonen“. Um das Zerstreuen der Bauten zu verhindern, konzentriert er das zukünftige Dorf auf das Territorium von „La Chaux“, ausgestattet mit einer Kapazität von 3000 Betten. Er platziert im „Crêt de la Ville“ und in „Plan-Francey“ Kur- oder Luxushäuser, die man von der Ebene aus nicht sieht. Für „Le Commun“ sind Privatkonstruktionen vorgesehen, mit weniger strengeren Bauregeln.

Ohne das Model der Freiburger Wohnchalets zu beachten, empfiehlt Dunkel „eine architektonische Form, die nicht im Kontrast zur Umgebung steht, sondern eher die Natur verlängert. Er sucht sich lokale Baumaterialien: Stein für die Sockelfundamente, das Holz für alle Wohnzonen. Er lehnt die zerstückelten Rechtecke für die Volumen der Terrassen ab, diese sollen sich in die Hänge anschmiegen. Das Flachdach ist das auffallendste Element.

Der Ausbauplan erkannte den logischen Zusammenhang der Absichten und verzeichnete einen achtungsvollen Erfolg, gekrönt durch ein Modell, welches 1964 an der nationalen Ausstellung beim Stand des Heimatschutzes präsentiert wurde.

Zu jedem Preis bauen: Die Dringlichkeit der Utopie

Im September 1964, informiert der Direktor der Station die Gemeinde von Gruyères (Rapport aus einer Werbekampagne), dass die Station 260 schriftliche Anfragen erhalten hat. Man beschliesst den Vorgang zu beschleunigen: Errichtung der Quartierpläne, Start eines Architektenwettbewerbs, Einrichtung eines Wasserversorgungssystems, Bau einer Abwasserentsorgung, Zufahrt zum zukünftigen Dorf und ein grosser Parkplatz. Dennoch konkretisiert sich nichts.

Der Verwaltungsrat veranlasste im Jahre 1966 die vier prämierten Architekten, dass sie sich nur an die Konzentration des Baus auf individuelle Häuser und auf die Flachdächer des Projektes Dunkel halten sollen. Die lokalen Materialen werden durch Eternit, Stahl und Beton ersetzt.

Als Konsortium präsentierten sie im Juni 1966 eine Zusammensetzung von 80 Häusern, mit schrägen im Hang gebauten Liften und asphaltierten horizontalen Wegen, welche für das Schmelzen des Schnees beheizt werden sollten! Aber nichts wird gebaut und die Station hat Mühe seine Interessen und die Rückzahlung der Schulden zu begleichen. Im Jahr 1967 beschliesst der Verwaltungsrat selber die ersten Wohnhäuser zu bauen. Man wählt eine Residenz (Grevîre) mit 18 Wohnungen und einige Ferienhäuser der Architekten Tüscher und Hostettler. Dies waren 30 Wohnungen, vom Studio zur 5.5 Zimmerwohnung. William Dunkel gibt wegen Verrats auf, der Heimatschutz verlässt das Boot und der Zürcher Architekt wurde schlussendlich im Oktober 1967 vertrieben. Walter Tüscher wird zum offiziellen Architekten von Moléson-Village. Er erklärt in der Zeitung „La Gruyère“ vom 8. April 1971, dass sein Vorgänger verantwortlich sei für einen zu steifen Ausbauplan und das Fehlen von Integration in ein touristisches Gebiet. Er engagiert sich dafür, das Hauptmerk auf kollektive Wohnungen zu setzen.

Die Polemik rund um die „Molécubes“: Die Utopie widerspricht

Moléson-Village entfachte die Polemik nach der Präsentation des Projektes im Jahre 1963. Die Presse und die Leser, der Heimatschutz und die Freunde von Gruyères, die Tageszeitungen aus Freiburg und der Schweiz waren geteilter Meinung. Die freiburgerischen Zeitungen – La Gruyère und La Liberté – zeigten zuerst einen gewissen Enthusiasmus zum Projekt. Die Zeitung „La Gruyère“, welche dreimal wöchentlich erscheint, erklärte am 26. Januar 1963 „ein unvermeidlicher Erfolg“. Danach nehmen sie Abstand zum Projekt, dass in der Region ironischer weise „Molécubes“ genannt wird. Die Polemik fokussiert sich rund um den Würfel, den Beton und dem Flachdach.

Die Schweizer Presse hingegen lobte das Projekt: „Moléson-Village: Ein Experiment für Europe“ titelt die Neue Zürcher Zeitung am 21. Februar 1963. Am selben Tag spricht der Tages Anzeiger von einem Geniestreich und verspricht eine nationale Attraktion. Der Express vom 5. März 1963 schätzt, dass der Kanton Freiburg „sich plötzlich von den lähmenden Stricken befreit hat und eine dynamischere Berufung entdeckt hat, als die der traditionellen Bauern und der Religion mit dem tiefen Glauben an eine Zukunft im Himmelsreich“.

Der Heimatschutz engagiert sich für das zukünftige Dorf und stellte das Model bei seinem Stand der nationalen Ausstellung im Jahre 1964 aus. Sein Architekt, der Zürcher Max Kopp, erklärt in einer Pressemitteillug im Juni 1963: „Ich gehe davon aus, dass die Frage der Flachdächer oder der Zweischild oder Mehrschilddächer von zweitem Range ist. An diesem Ort befindet sich kein altes Gebäude, das den Ton angeben würde“. Die Freunde von Gruyères reagieren in einem Brief an den administrativen Rat vom 3. Februar 1963: „La Gruyère ist weder die Hochburg des Heimatschutzes, noch einer Bergbahnengesellschaft. (…) Wen die Gesellschaft GMV, laut den Aussagen seines Präsidenten, eine Versuchszone für neue Architektur kreieren will, dann soll sie ihr Projekt umdrehen. Dann soll sie im „Le Commun“ diese kubischen Gebäude und Pfahlbauten erstellen. Dieser Ort sieht man nur von den hohen umliegenden Gipfeln aus und der Schaden wäre minim. Sobald der Architektenwettbewerb ausgeschrieben wird, distanziert sich der Heimatschutz vom Projekt und zieht sich schlussendlich, nach dem Rausschmiss von William Dunkel, ganz aus dem Projekt zurück.

Das Multiplizieren der Projekte : Von der Utopie zur Neurose

Die Schwierigkeit die gebauten Wohnungen in Moléson-Village zwischen 1967 und 1969 zu verkaufen oder zu vermieten und die immer grösser werdende Wahrscheinlichkeit des Konkurses, beängstigte die Vereinigung und sie begannen im Jahre 1969 mit der Suche nach Investoren, mit allen möglichen Mitteln oder wenigstens mit fast allen.

Ein Brief der Station bezeugt diese Irrtümer. Beispiel: eine Gruppe von Schweden plant ein Garnihotel, eine Gruppe Lausanner ist an einem Haus mit Wohnungen und Boutiquen in einem zukünftigen Einkaufszentrum interessiert, eine Gruppe Italiener träumt seinerseits von einem Garnihotel. Man sucht in den Archiven der Vereinigung um einige Projekte hervor zu graben, welche die Station hätten retten könnten. Die Pläne sind detailliert, manchmal wurde bereits nach einer Baubewilligung gefragt und manchmal wurde bereits ein Angebot unterbreitet. Auswahl: Bau durch eine Gruppe Franzosen von drei Gebäuden à 6 Stockwerken mit 500 Unterkünften mit einer Kapazität von 3000 Betten (1969-71); Ansiedlung der Gewerkschaft für Verkehrspersonal in drei Studiogebäuden (1970-75); Projekt am Fusse des Vudalla von der Gemeinde Lancy einer Ferienkolonie kombiniert mit einem militärischen Spital à 500 Betten; ein Klubhotel mit ca. 100 Betten. Vom letzteren Projekt wurden in den Archiven der Gesellschaft mehrere architektonische Vorschläge gefunden.

Im Jahre 1975 ändert die Gesellschaft erneut ihre Politik, mit dem Ziel sich von den Immobilien zu verabschieden und sich auf die Bergbahnen zu konzentrieren. Und im Jahre 1976 zieht die Migros tatsächlich in Betracht den ganzen touristischen Komplex aufzukaufen. Trotz eines drastischen Sanierungversuchs – die Gläubiger verzichten auf 90% ihrer Forderungen und wandeln den Rest in Aktien um – der Nahrungsmittelriese überlässt Moléson seinem Schicksal.

Der kritische Zustand

Am 7. Oktober 1980 beschliesst der Grossrat des Kantons Fribourg die Station von seinen Verpflichtungen, der Summe von CHF 3.5 Millionen für die Kantonsstrasse zwischen Pringy und La Chaux, zu befreien. Die Mitteilung, die der Verordnung hinzugefügt wird, ist klar. „Es ist offensichtlich, dass die finanzielle Situation der Gesellschaft von Anfang an schlecht war. Alle Jahresabschlüsse wiesen einen Verlust auf. (…) Die finanzielle Situation der Vereinigung GMV wurde von Jahr zu Jahr schlimmer. Die verantwortlichen Organe waren immer auf der Suche nach einer Sanierungslösung. Schlussendlich haben ihre Bemühungen, laut einem aktuellen Vertragsprotokoll, Früchte getragen. (…) 1. Abtretung der Forderungen für den Strassenbau; 2. Reduktion des Kapitals von 3,1 Millionen auf 1.555 Millionen; 3. Rücktritt des Verwaltungsrates (…) In Moléson gab es zwischen den Jahren 1962 bis 1980 Investitionen für Total CHF 20 Millionen für technische Installationen, Restaurants, Infrastruktur, Einrichtungen, Bauten und das Mobiliar.“

Der Bau des Dorfes: Die Utopie wird realistisch

Im Jahre 1978 kaufen die Walliser Brüder Bernard und Philippe Micheloud 14‘496 m2 Land und garantieren das momentane Überleben der Gesellschaft. Gleich im Anschluss bauen sie 14 Chalets und nehmen nach und nach das Schicksal der Station in die Hand. Im Jahr 1983 zentralisieren sie die Direktion der Bergbahnen, der Restaurants, des administrativen Büros und die Verwaltung der Chalets und Wohnungen. In fünf Jahren haben sie das erreicht, was man in Moléson-Village seit 20 Jahren versuchte: um die 50 Chalets zu bauen, ein Dorf mit drei Wohnblöcken und Einkaufsläden, ein Sportzentrum mit Tennis und Minigolf.

Direkt nach ihrer Ankunft in Moléson löschen sie die Vergangenheit aus und verfassen mit den lokalen Behörden eine Charta, welche definiert was Moléson-Village nicht sein wird – „Nein zum Futurismus, der kurz nach dem Bau aus der Mode kommt“ – und was Moléson-Village sein wird: „ Ja zu einem Dorf aus Holzchalets, gebaut in Harmonie mit der Natur, mit Manneskraft.“

Im Jahre 1988 verfügt die Station über 1‘200 Betten in Chalets und Wohnungen, von 3‘500 vorgesehenen. Seither musste sich Moléson mit der Wirtschaftskrise, der Erneuerung der Bergbahnen und der Einführung des Sommertourismus auseinandersetzen. Der Sommertourismus wurde mit der Entstehung eines Observatoriums auf dem Moléson, einer traditionellen Schaukäserei in einem ehemaligen Chalet und weiteren sportlichen Sommeraktivitäten gefördert.

Bibliographie

- “Vers une renaissance de Moléson-Village”, In Echo Illustré, 15. Juli 1978.

- “Vers une renaissance de la station du Moléson”, In La Gruyère, 8. Juni 1978.

- “Naissance d’un village”, In Panorama fribourgeois, N° 10, 1988. José Seydoux.

- “Moléson sur Gruyères, évolution de la station”, travail de diplôme, dactylographié, Ecole suisse de tourisme, Sierre, 1988, Marie-Claude Nidegge

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