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Am Wochenende 15. & 16.12.18

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Es war einmalImpression

VON DER ALP ZUM DORF

MOLÉSON-VILLAGE VON DER UTOPIE ZUM REALISMUS

Moléson-Village ist aus der erfindungsreichen Fantasie von einigen Freiburgern entstanden, bereit die wirtschaftliche Entwicklung mit dem Tourismus zu verbinden. Das utopische Projekt aus den 1960er Jahren ein ideales Dorf aufzubauen, musste wegen einigen Streitgesprächen und finanziellen Schwierigkeiten aufgegeben werden. Es konkretisierte sich wieder ab 1978, in einem formellen Ton weit entfernt von den ursprünglichen Projekten.

 

Die Geschichte dieses Epos ist genauso touristisch (der Traum von einer touristischen Station) sowie architektonisch (mehr als 150 Pläne, die meisten wurden nie realisiert), wirtschaftlich (mehr als 20 Millionen wurden investiert) wie auch soziologisch. Dieser Artikel verspricht einige Spuren, rohes Material ohne Synthese. Ziel ist die verschiedenen Etappen diese Abenteuers aufzuzeichnen, auch wenn die lebenden Erinnerungen schon langsam verblassen.

 

EPAGNY – MOLÉSON MIT DER GONDELBAHN: VOM WAHNSINN ZUR UTOPIE

Robert Boschung, glücklicher Initiator des „Vieux Chalet“ in Crésuz, träumt von einem Restaurant auf dem Gipfel des Moléson, ab Epagny mit der Gondelbahn erreichbar. Er vereint um sich einige Freiburger Persönlichkeiten, motiviert durch die Idee der touristischen Entwicklung im Kanton. Im November 1959 hinterlegt das Initiatoren-Komitee eine erste Anfrage für eine Konzession beim Eidgenössischen Post- und Eisenbahndepartement für den Bau einer Gondelbahn, welche Pringy mit Plan-Francey verbindet inklusive einer Zwischenstation in „La Chaux“ und einer Seilbahn zwischen Plan-Francey und dem Gipfel des Moléson.

 

Der Grosse Rat von Freiburg akzeptiert im Mai 1961 den Antrag des greyerzerischen Grossrates Pierre Morard und 60 Mitunterzeichnern. Sie verlangen den Bau einer kantonalen Strasse zwischen Pringy und La Chaux. Mit einer Länge von 4 Kilometern, einer Breite von 6 Metern und einer Neigung von maximal 10%, wird sie 7 Millionen Schweizer Franken kosten, von welchen 3 Millionen zu Lasten der zukünftigen Station fallen. Die Bauarbeiten beginnen im März 1962 und werden im Juli 1963 beendet.

 

Einen bereits genehmigten Antrag bei der Gemeinde Enney zwingt die Initiatoren eine Seilbahn zwischen La Chaux und La Vudalla zu bauen, die berühmten „Kessel“ des Moléson. Zwei Skilifte vervollständigen das Angebot, Kosten von Total 2,5 Millionen. Die drei Bahnhöfe und die Zwischenstation werden dem Lausanner Architekten Marc Wuarin anvertraut. Er verwendet Beton für den Sockel, Holz für die Wände und ein mehrschichtiges Dach. Die Bergbahnen werden im Dezember 1963 in Betrieb genommen, mit Ausnahme vom Abschnitt Plan-Francey-Moléson. Dieser wird im kommenden Winter eröffnet.

 

EIN IDEALES DORF: DAS UTOPISCHE DORF

William Dunkel, prominenter Zürcher Architekt, pensionierter Professor, ausgebildet an der deutschen Bauhaus Schule, wurde der Flächennutzungsplan des zukünftigen Feriendorfes, auf den Hängen des Moléson gebaut, anvertraut. Er schrieb zu diesem Projekt, bei der Präsentation des Flächennutzungsplan an den Verwaltungsrat im Januar 1963: „Eine nicht entwickelte Region erlaubt einen kompletten und der Landschaft angepassten Flächennutzungsplan ins Auge zu fassen. (…) Eine nicht genügende Reglementierung würde zur Folge haben bei diesem einzigartigen Projekt, diese harmonische und ausgeglichene Einheit zu verlieren und einer egoistischen und spekulativen Fantasie Platz zu machen. Der Autor dieses Projekts zieht die Dorfromantik der modernen Rücksichtslosigkeit vor; eine Bereitstellung von organisierten Gebäudegruppen durch aufgeforstete Holzbanden abgetrennt.“

 

Gegen Spekulationen kämpfen, die Gebäude nicht zu weit auseinander zu bauen und eine Stil-Nachahmung abzulehnen, diese drei Prinzipien bewegen Dunkel dazu einen strikt reglementierten Flächennutzungsplan vorzuschlagen. Der Verwaltungsrat schliesst sich der Vision des Projektes an. Die Gemeinde bleibt Besitzer der Flächen und der Gesellschaft GMV wird erlaubt diverse Objekte zu bauen. Die Investoren verhandeln mit einem einzigen Geschäftspartner, welcher ihnen die Flächenrechte vorschlägt. Das System ist schwierig anzuwenden und beunruhigt mehrere potentielle Käufer.

 

Dunkel sieht eine wichtige Konzentration der Gebäude vor „ähnlich wie enge Walliser-Dörfer mit Forstflächen zwischen den Zonen“. Um die Streuung der Gebäude zu vermeiden, konzentriert er das zukünftige Dorf auf das Gebiet „La Chaux“, mit einer Kapazität von 3000 Betten. Weiter plant er in „Crêt de la Ville“ und in „Plan-Francey“ Kur- oder Luxuseinrichtungen. Im „Commun“ jedoch, nicht sichtbar vom Tal aus, sind private Bauten geplant, mit weniger strengen Reglementierungen.

 

Das Freiburger Wohnchalet Model berücksichtigt er nicht, Dunkel befürwortet „eine architektonische Form die nicht im Kontrast mit dem Standort steht, jedoch eine natürliche Erweiterung darstellt“. Er wählt einheimisches Baumaterial: Stein für die Grundmauern und Sockeln, Holz für die Wohnteile. Er entscheidet sich die Terrassen in Rechtecken zu bauen, welche das Volumen teilen und sich in den Hang einfügen. Das Flachdach ist ein markierendes Element.

 

Dieser Flächennutzungsplan zeichnete sich durch die Absicht des Zusammenhalts ab und versprach einen grossen Erfolg, gekrönt durch die Präsentation des Models an der Nationalen Ausstellung im Jahre 1964 in Lausanne beim Stand des Heimatschutzes.

 

BAUEN UM JEDEN PREIS: DER NOTFALL DER UTOPIE

Im September 1964 kündiget der Direktor der Station der Gemeinde von Gruyères an (Rapport über eine Werbekampagne), dass die Station 260 schriftliche Anfragen erhalten hat. Man beschliesst den Prozess zu beschleunigen: Erstellung der Quartierpläne, Lancierung eines Architektur-Wettbewerbes, Einrichtung des Wasserversorgungssystems, Bau einer Klärwasseranlage und der Bau der Anfahrtsstrasse ins Dorf sowie einem grossen Parkplatz. Jedoch, nichts konkretisiert sich.

 

Der Verwaltungsrat setzt im Jahre 1966 auf vier prämierte Architekten des Wettbewerbes, welche vom Projekt Dunkel nur die Konzentration der Gebäude, die individuellen Häuser und die Flachdächer übernehmen. Das einheimische Material wird durch Eternit, Stahl und Beton ersetzt.

 

Im Konsortium präsentieren sie im Juni 1966 ein Komplex von 80 Häusern „mit schrägen Aufzügen ausgestattet und mit horizontal asphaltierten Wegen, welche im Winter für die Schneeschmelze beheizt werden“! Aber nichts wird gebaut und die Station hat Mühe die Zinsen und die Schuldentilgungen zu bezahlen. Im Januar 1967 entschliesst der Verwaltungsrat selbst die ersten Wohnhäuser zu bauen. Man entscheidet sich für eine Residenz (Grevîre) mit 18 Wohnungen und einigen Ferienhäusern der Architekten Tüscher und Hostettler. Im Gesamten sind es 30 Wohnungen, vom Studio bis zur 5-Zimmerwohnung. Walter Dunkel fühlt sich Verraten, der Heimatschutz verlässt das Schiff und der Zürcher Architekt wird im Oktober 1967 vertrieben. Walter Tüscher wird offizieller Architekt von Moléson-Village. Er erklärt der Zeitung „La Gruyère“ am 8. April 1971 das sein Vorgänger verantwortlich ist für „einen zu strengen Flächennutzungsplan und einem Mangel an Integration in den touristischen Bereich“. Er will den Akzent auf kollektive Wohngebäude setzen.

DIE KONTROVERSE UM DIE „MOLÉCUBES“: DIE UTOPIE WIRD ANGEFOCHTEN

Moléson-Village hat die Kontroverse bei der Präsentation des Projektes im Januar 1963 lanciert und teilte damit die Presse und seine Leser, den Heimatschutz und „Les Amis de Gruyères“, die Einheimischen und die Schweizer in zwei Lager. Die Freiburger Zeitungen – La Gruyère und La Liberté – zeigen zuerst einen gewissen Enthusiasmus dem Projekt gegenüber. Die greyerzerische Zeitung betitelt das Projekt am 26. Januar 1963 als „unumgänglicher Erfolg“. Danach distanzieren sie sich von dem Projekt, welches man in der Region ironischerweise als „Les Molécubes“ bezeichnet. Die Kontroverse fokussiert sich rund um die Würfel, den Beton und dem Flachdach.

 

Die Schweizer Presse jedoch lobt das Projekt. „Moléson-Village: „Ein Experiment für Europa“. titelt die Neue Zürcher Zeitung am 21. Februar 1963. Am selben Tag titelt der Tagesanzeiger das Projekt als Geniestreich und eine nationale Attraktion. „L‘Express“ ist am 5. März 1963 der Ansicht, dass der Kanton Freiburg „mit Gewalt die Staubschicht abgeschüttelt hat und neuere, dynamischere Berufungen entdeckt hat, als die traditionellen Bauern und der vertrauenswürdigen Religion, die eine heilige Zukunft verspricht“.

Der Heimatschutz engagiert sich für das zukünftige Dorf, in dem er das Model an seinem Stand an der nationalen Ausstellung im 1964 präsentiert. Sein Architekt, der Zürcher Max Kopp, äussert sich in einer Pressemitteilung vom Juni 1963 wie folgt: „Ich gehe davon aus, dass die Frage zu den Flachdächern erst an zweiter Stellt kommt. An diesem Ort befindet sich kein einziges altes Gebäude, welches den Stil der zukünftigen Gebäude vorgibt.“ „Les Amis de Gruyères“ reagieren in einem Brief an den Verwaltungsrat am 3. Februar 1963: „Das Greyerzerland ist nicht die Hochburg des Heimatschutzes oder einer Bergbahngesellschaft. (…) Wenn die GMV-Gesellschaft, laut den Äusserungen des Verwaltungsratspräsidenten, eine Testzone für Architekten schaffen will, dann kehrt Sie das Projekt um. Sollen Sie Ihre Würfel und Pfahlbauten auf dem „Commun“-Gelände bauen. An dieser Stelle können die Bauten nur von den umliegenden Berggipfeln gesehen werden und der Schaden wäre minimal.“ Nach dem Architektenwettbewerb zieht sich der Heimatschutz aus dem Projekt zurück und verlässt die Station, nach dem Rauswurf von William Dunkel, ganz.

 

DIE VERVIELFÄLTIGUNG DER PROJEKTE: VON DER UTOPIE ZUR NEUROSE

Die Schwierigkeit die Wohnungen, die in Moléson-Village gebaut wurden, zwischen 1967 und 1969 zu verkaufen oder zu vermieten und der immer grösser werdende Druck von einem Konkurs, beunruhigt die Gesellschaft langsam aber sicher. Ab 1969 wird intensiv nach Investoren gesucht, alles in Betracht ziehend, oder fast alles.

 

Die Schreiben der Station spiegeln diese Fehler. Beispiele: eine schwedische Gruppe stellt sich ein Garnihotel vor, eine Lausanner Gruppe interessiert sich an einem Wohnungskomplex und Boutiquen in dem zukünftigen Einkaufszentrum; eine italienische Gruppe träumt ebenfalls von einem Garnihotel. Sucht man in den Archiven der Gesellschaft, finden sich einige Projekte, dazu bestimmt die Station zu retten. Die Pläne sind detailliert, manchmal wurden die Anträge für Baubewilligungen eingereicht und einige Male schon Gebote gemacht. Auswahl: Bau von drei Gebäuden mit 6 Etagen für 500 Wohnungen und einer Kapazität von 3000 Betten von einer französischen Gruppe (1969-71); Ansiedlung von drei Studioimmobilien für den Schweizerischen Eisenbahnverein (1970-75); Projekt von einem Ferienheim kombiniert mit einem Militärkrankenhaus mit 500 Betten am Fusse des Vudalla von der Gemeinde Lancy; ein Klubhotel mit hunderten Betten. Von Klubhotels wurden mehrere Vorschläge von Architekten in den Archiven gefunden.

 

Ab 1975 ändert die Gesellschaft wieder einmal ihr Politik, in dem sie die Immobilien streichen und sich auf die Bergbahnen konzentrieren will. Und im 1976 zieht die Migros ernsthaft in Betracht den ganzen touristischen Komplex aufzukaufen. Trotz einer drastischen Sanierung – die Gläubiger geben 90% ihrer Investitionen auf und wandeln den Rest in Aktien um – überlässt der Lebensmittelkonzern Moléson schlussendlich seinem Schicksal.

 

DER KRITISCHE ZUSTAND

Am 7. Oktober 1980 beschliesst der Freiburger Grossrat die Station von seinen Verpflichtungen zu befreien, dass heisst eine Summe von 3,5 Millionen Franken für die Kantonsstrasse von Pringy-La Chaux wird erlassen. Die dazugehörende Mitteilung zum Erlass ist eindeutig. „Es ist offensichtlich, dass die finanzielle Situation der Gesellschaft sich von Anfang an ins Negative entwickelt hat. Alle Jahresabschlüsse verzeichneten einen Verlust. (…) Die finanzielle Situation der GMV Gesellschaft wurde von Jahr zu Jahr schlimmer, die verantwortlichen Organe waren stets auf der Suche nach Sanierungsmassnahmen. Schlussendlich konnte man sich kürzlich durch ein Zusageprotokoll einigen (…) 1. Erlass der Forderungen für die Strassen ; 2. Kapitalreduktion von 3,1 Millionen auf 1,555 Millionen ; 3. Demission des Verwaltungsrates (…) In Moléson wurden zwischen 1962 und 1980 im Total mehr als 20 Millionen Franken für die Bergbahnen, Restaurants, Infrastruktur, Ausstattung, die Bauten und Gebäude investiert.“

DER BAU DES DORFES: DIE UTOPIE WIRD REAL

Im Jahre 1978 kaufen die Walliser-Brüder Bernard und Philippe Micheloud 14 496 m2 Bauland und sichern somit das momentane Weiterbestehen der Gesellschaft. Im nächsten Schritt bauen sie 14 Chalets und nehmen allmählich das Schicksal der Station in die Hand. Im Jahre 1983 zentralisieren Sie die Direktion der Bergbahnen, der Restaurants, der administrativen Büros und der Verwaltung der Chalets und Wohnungen. In fünf Jahren realisieren sie, was in Moléson-Village seit 20 Jahren geplant wurde: den Bau von ungefähr 50 Chalets, ein Dorf mit drei Wohnungsimmobilien und Einkaufsmöglichkeiten sowie ein Sportzentrum mit Tennis und Minigolf.

 

Direkt nach ihrer Ankunft in Moléson machen sie reinen Tisch mit der Vergangenheit und verfassen mit den lokalen Behörden eine Charta, welche definiert was Moléson-Dorf nicht sein wird – „nein zum Futurismus, der kaum gebaut bereits wieder aus der Mode ist“ – und was Moléson-Village sein wird: „Ja zu einem Dorf mit Holzchalets, gebaut in Harmonie mit der Natur, von menschlichem Format.“

 

Im Jahre 1988 verfügt die Station, von den 3500 vorgesehenen, bereits über 1200 Betten in Chalets und Wohnungen. Seit damals musste Moléson sich mit der Wirtschaftskrise auseinandersetzen, die Bergbahnen erneuern und den Sommertourismus mit dem Bau eines astronomischen Observatoriums, einer traditionellen Schaukäserei in einer ehemaligen Berghütte und diversen sportlichen Aktivitäten ausbauen.

 

 

BIBLIOGRAPHIE

– „Vers une renaissance de Moléson-Village“, in Echo Illustré, 15. Juli 1978.
– „Vers une renaissance de la station du Moléson“, in La Gruyère, 8. Juni 1978.
– „Naissance d’un village“, in Panorama fribourgeois, N° 10, 1988. José Seydoux.
– „Moléson sur Gruyères, évolution de la station, travail de diplôme, dactylographié“,

Ecole suisse de tourisme, Sierre, 1988, Marie-Claude Nidegger.